Der Weg zurück

Am Samstag will Barbara einfach nicht nach Hause, na ja, mehr als verständlich bei dem Wetter. Ich bringe sie mittags zum Kopenhagen-Hauptbahnhof und gegen 15 Uhr mache ich mich dann Einhand auf den Weg. Ich will heute noch bis Dragør, denn von dort schafft man immer weite Törns bis ins Smålands Farvandet. Jetzt packt mich der sportliche Ergeiz: unter Segel ablegen, bei schwachen Winden dicht unter Land den „Fön“ nutzend (heißer Hauch aus den Hafenbecken von Kopenhagen) um die Hafeneinfahrten herumkreuzen und unter Segel anlegen, alles gemacht. Nur um die richtigen Boxen in Dragør zu finden, dazu brauchte ich dann doch den Motor. Auch für mein kleines Boot sind die meisten Boxen hier zu eng. Für den Freitag in der kommenden Woche bekomme ich wieder einen Mitsegler –  Matthias –, aber erst ab Bagenkop.

Am Sonntag, den 10. August, lege ich früh ab, um den angesagten Ostwind auszunutzen. Køge und Faksebucht möchte ich schaffen, doch zunächst herrscht Flaute. Nach einer Stunde muss ich querab von Drogden den Motor anschmeißen, auch weil mich die vielen Fliegen in der Køgebucht nerven. Selbst meine Bordspinne macht sich am helllichten Tag daran, ihre Netze zu spinnen. Sie hatte eine gute Mahlzeit. Erst ab Mittag, kurz nach Stevns Klint, stellt sich etwas Wind ein und ich ziehe sofort die große Besegelung hoch. Der Wind hat auf südliche Richtungen gedreht und ich erlaube mir eine Kreuz durch den Bøgestrom. Ein Holländer zollt mir per Applaus Respekt. Gegen 18 Uhr habe ich Kalvehave erreicht und jetzt möchte ich auch noch nach Vordingborg, da gibt es eine große Tankstelle nicht weit vom Hafen. Um 21 Uhr erreiche ich Vordingborg, das Echolot zeigt mir erstaunlich wenig Wasser im Hafenbecken an. Um 23 Uhr besorge ich das fehlende Benzin – 20 l in 4 Kanistern –  von der Tankstelle.

Die Wetterprognosen lassen für die zweite Wochenhälfte nichts Gutes erahnen (NW bis 18 m/s) und deshalb möchte ich so schnell wie möglich nach Westen. Wenn ich auch nach nochmaligem Benzineinkauf jetzt gut mit Benzin versorgt bin, möchte ich trotzdem segeln. Beim Ablegen macht sich der niedrige Wasserstand bemerkbar. Nur mit Hilfe meiner Winsch und einigen Cowboyeinlagen – Palsteg auf Pfähle schmeißen – komme ich vom Platz herunter und kann das Boot drehen. Den Rest erledigt der Motor in diesem weichen Mud. Ich muss mal wieder kreuzen, bis zur Storstrømbrücke bei Süd, von da weiter bei Nordwest Richtung Femø, und  immer nur 1-3 Bft. Ab Femø-Nordspitze dreht der Wind auf Nordost und nimmt leider weiter ab. Von Fejø-Sletterev bis Kragenæs brauche ich wieder den Motor. Für eine halbe Stunde begleitet mich ein Tümmler mit kleinen Sprüngen vor meinem Bug, obwohl der Motor läuft.

Die Nacht in Kragenæs brachte ein paar Tropfen. Geht der Sommer jetzt zu Ende? Am Morgen ist das Wetter wieder prächtig und ich kreuze bei nordwestlichen Winden aus dem Ståldyb hinaus. Auf dem Großen Belt schläft der Wind fast ganz ein. Heute mal keinen Motor, sage ich mir, denn Spodsbjerg ist nicht mehr weit. Es klappt auch, selbst der Anleger unter Segel.

Am Mittwoch ist die Vorhersage richtig mies. Es soll am Nachmittag rasch zunehmen auf 7-8 Bft, deshalb lege ich kurz vor 7 Uhr ab, um wenigstens noch Bagenkop sicher zu erreichen. Schwacher Nordostwind begleitet mich bis zur Langeland-Südspitze, dann ist nichts mehr los. Da es aber bereits auf Mittag zugeht und der Himmel im Westen und Süden arg bräunliche Töne annimmt, verziehe ich mich vorsichtshalber rechtzeitig in den Hafen von Bagenkop. Ab 15 Uhr geht es dann los, innerhalb einer halben Stunde frischt der Wind von 0 auf 7 Bft auf, die Böen noch gar nicht eingerechnet. Viele Segler kommen erst in den nächsten Stunden in den Hafen, Anlegepanik breitet sich aus. Aber es gibt ja viele Helfer und Tipps von Einheimischen, wenn auch Hilfe unverständlicher Weise manchmal abgelehnt wird.

Donnerstag ist Hafentag und ich warte auf Matthias, der mit der Fähre von Kiel kommen soll. Ja, in diesem Jahr fährt die Fähre noch! Und wie sie dann ankommt! Gerade haben wir Schauerböen mit 9 Bft, und die Fähre traut sich nicht in den Hafen, sondern dreht eine Runde davor. Sie schiebt dabei heftig Lage und wie mir Matthias später berichtet, kommt dabei wohl einiges ins Rutschen. Er erzählt mir, dass im schönsten Dänenenglisch die Passagiere beruhigt wurden, alles sei „no problem“. Deshalb reden wir seit diesem Tag nur noch von der „No-Problem-Fähre“. Die hat sich dann in der kommenden Nacht auch noch von ihrem Liegeplatz losgerissen und dabei die offenstehende Ladeluke verzogen. Alles „no problem“, aber sie fährt erst einmal nicht. Jetzt sitzen da die Dänen mit Hämmern und Schweißgeräten dran und versuchen ihr Bestes.

Wir kommen am Sonntag weiter, die See steht zwar noch, aber der Wind lässt zunehmend nach. Um 11 Uhr, auf halber Strecke, ist Ende mit Segeln. Von hier bis Büdelsdorf mudeln wir in einem Rutsch durch, Benzin haben wir ja genug. Und in Büdelsdorf muss mich Matthias wieder verlassen. Es war ja eigentlich ganz anders geplant. In drei Tagen von Bagenkop bis Wedel zu kommen, ist normalerweise kein Problem. Gut, ich mache den Rest der Reise wieder allein und jetzt auch nach Fahrplan. Die Tide läuft ab 14 Uhr in Brunsbüttel mit, also muss ich abends auf jeden Fall in Wedel ankommen. Und genauso läuft es dann auch. Barbara wartet bereits auf mich.

Wir waren mit „amica“ 40 Tage unterwegs, legten dabei 1052 Seemeilen zurück und 8 Mal machten wir die Leinen nicht los.