Auf nach England

27. Mai Cuxhaven

Die Elbe abwärts bis hierher kam mir dieses Mal sehr lang vor. Das lag aber sicher auch am Wetter. Die Sonne brät einen den Kopf weich, für Stunden keine Chance auf Schatten. Selbst in der Kajüte waren es abends um 18 Uhr noch an die 30 Grad.

Ich wünsche mir zu Beginn eines Törns eigentlich immer Wolken, meinetwegen auch Regen, damit eine langsame Anpassung an den permanenten Aufenthalt im Freien stattfinden kann.

Ja gut, die halbe Strecke segelte ich immer gegen Strom, die Tide lief mir halt zu spät und ab frühen Nachmittag wurde es zu heiß.

Ein Zwischenstopp in Glückstadt war so auch zwingend notwendig. Nun mache ich in Cuxhaven einfach einen Tag Pause, die Ruhe genießen – hier im Hafen ist echt noch nichts los -, die Seeluft schnuppern und den Kopf sowie die Haut schonen.

 

01. Juni Norderney

Es kommt immer anders, als man plant. Hatte ich vor, möglichst schnell nach Westen zu kommen, um den Ostwind auszunutzen, so sitze ich 4 Tage nach Cuxhaven doch erst auf Norderney.

Zwei wesentliche Gründe:

  • Ich kann halt diese Sonne nicht mehr ab, es wird einfach zu heiß, wenn man keinen Schatten findet. Und denn liegen auch immer Gewitter in der Luft. Dabei ist es an der See sicher besser auszuhalten als im Binnenland.
  • Die Tide erlaubt zudem für weite Törns nur nächtliches Auslaufen oder nächtliches Ankommen. Auf Beides habe ich keine Lust. Und über Helgoland? Nööö, da fahre ich nicht mehr hin.

So ging es dann wieder hinten ‘rum über oder besser unter den Inseln durch. Wangerooge, Langeoog und jetzt Norderney. Dafür ist auch das Hochwasser mittags herum ganz praktisch, fährt man so immer gegen zwischen 10 Uhr und 12 Uhr los und ist meist um 14 Uhr schon wieder da, bevor es richtig heiß wird. 4 Stunden Sonne sind da gerade eben auszuhalten.

Jetzt dreht der Wind erst einmal auf westliche Richtungen, ab Dienstag kann es dann weitergehen. Ich nutze die Zeit für viele Besorgungen, das ist hier ganz praktisch und natürlich habe ich etwas vergessen (Müllbeutel, Brotmesser…). Auch lässt sich ein Motorproblem beheben. Der hat nämlich einen Tropfen Öl an der Ablassöffnung für das Getriebe verloren und die Tapeabdichtung hilft da nicht ewig.

Zudem genieße ich hier wie auch vor zwei Jahren die absolute Entschleunigung. Touristensaison ist noch nicht und deshalb sind hier alle sehr entspannt.

Bilder habe ich leider noch keine gemacht, da war mir echt nicht nach. Obwohl bei der Durchfahrt des Seegats Außenharle bei Wangerooge wäre es schon schön gewesen, dies einmal bildlich mit meiner Gopro festzuhalten. Die Rinne geht im Zickzack durch die Bänke und bei Niedrigwasser  – immerhin noch knapp 2 m Wassertiefe in der Rinne –,  kann man ganz dicht bei die Sandbänke anfassen bzw. an den brechenden Wellen erahnen.

 

04. Juni Norderney

So, ich habe gerade den Motor in die Werkstatt gebracht. Das Abbergen  vom Heck auf den Schlengel sah abenteuerlich aus, ging aber doch ganz einfach. Mithilfe von Großfall und Großschottalje musste ich den Motor nur führen, heben machte mein „Mastkrahn“. 40 Kg lassen sich so einfach händeln.

Versäumt habe ich bisher nichts. Wir haben hier seit Freitag Wind ziemlich genau aus West, also daher, wo ich hin will.

 

05. Juni Norderney

Juhu, Motor wieder dran. Morgen geht es weiter!!!!

 

9. Juni Harlingen

Gestern bin ich hier angekommen. Eine rasante Fahrt von Norderney über Borkum und Dokkum. Aber mit Segeln war nicht viel. Dieser extreme Frühsommer geht mir langsam gewaltig gegen den Strich. Der eigentlich passende Ostwind schlappt beständig und die Sonne brennt pur. Von Norderney nach Borkum konnte ich 2,5 Stunden segeln, bis dann südlich von Juist bei Gegenstrom nur noch knapp 1 Knoten über Grund auf dem Plotter zu sehen war. Nützt nichts, der Motor musste wieder an, es gibt ja noch ein Wattenhoch bei Borkum.

Und Borkum-Lauwersoog? Dasselbe Spiel, morgens um 7 Uhr los, war um 8.30 Uhr wieder Schluss mit Wind. Den Gegenstrom im Hubertgat könnte ich nicht ausfahren. Also mit Tide bis zum Gat bei Schiermonnikoog, dort gerade das Stauwasser erreicht und mit dem Strom hinein ins Watt. Das Seegat erscheint mir auch bei NW beim zweiten Mal (letztes Jahr habe ich es schon einmal passiert) durchaus  befahrbar. Tolle Brandung links und rechts, nichts für schwache Nerven. Aber immer 1,5 m Wasser unterm Kiel.

In Lauwersoog machte gleich die Schleuse auf und so entschied ich mich für die Weiterfahrt nach Dokkum, alles in der prallen Sonne. Es reicht langsam und ich wurde erhört. Am nächsten Tag von Dokkum bis hier in Harlingen gab es nur einen bedeckten Himmel und die letzte Stunde ab Franeker herrlichen Landregen.

Und jetzt mal ein wenig Buntes.

Ich lag nun mal am Hauptschlengel und alle, die vorbeikamen, mussten das Boot angucken. Nun könnt ihr es auch.

Nach vielem Bearbeiten der Videos schaffe ich es jetzt auch, ein paar Eindrücke vom Einhandsegeln zu vermitteln.

Ablegen mit Hilfe in Norderney

Segelsetzen direkt in der Hafeneinfahrt

Im Seegat von Norderney schaukelt es ganz gut, da vorne geht es links um die Tonne und wenig später wieder rechtsrum in das Memmert-Wattfahrwasser.

Anlegen auf Borkum

 

11. Juni IJmuiden

Schon der dritte Tag mehr oder weniger bedeckter Himmel, so liebe ich das nach der vielen Sonne. Letzte Nacht ging es sogar auf 10° C runter, fast schon arktisch.

Aber der Reihe nach. Die Segelmeilen mehren sich, von Harlingen bis Oudeschild auf Texel konnte ich die ganze Strecke segeln, bei bis zu 5 Windstärken. Daran muss ich mich erst einmal wieder gewöhnen, mit über 6 Kn durchs Wasser zu schieben.

Der Hafen von Oudeschild ist noch recht leer, aber es ist fast alles für Hauptsaison vorbereitet.

Heute Morgen beim Ablegen  um 7 Uhr schlief der Wind natürlich noch, in Holland ist halt alles gemütlich, auch der Wind. Erst ab 10 Uhr stellte sich dann eine Brise aus NE ein, mit Dünung aus NW schaukelte es sich gemütlich nach Süd.


Pünktlich um 13 Uhr stellte sich der Gegenstrom ein, die restliche Stunde musste also gegenan gesegelt werden. Aber der Tag war ja noch lang, und so gönnte ich mir den Spaß, einschließlich einer kleinen Stromsee, um 14 Uhr dann Einlaufen noch IJmuiden.

Hier habe ich sogar meinen persönliches Wachpersonal. Beim Anlegen blieb diese Möwe einfach sitzen, nur als ich die blaue Leine achtern ausbrachte, verzog sie sich 2 m ins Wasser. Ich habe mich sofort entschuldigt und siehe da, sie kam dann gleich wieder. Muss ja ein toller Platz sein.

 

16.6. Kortgene

Wo ist das denn? Etwa 15 sm von Vlissingen entfernt, nordöstlich davon in dem Veerse Meer, einem Nebenarm der Osterschelde, der aber zur Nordsee afsluit ist. Ich trödel hier ein wenig rum. Brauche einmal Erholungen von der Nordsee. Von IJmuiden kreuzte ich vor dem Wind nach Scheveningen und von dort gab es eine schnelle Fahrt bei leicht raumen Wind nach Roompotsluis in der Osterschelde. Das sind von Scheveningen immerhin knapp 50 sm, für die ich 8 Stunden – einschließlich der Roompotsluis – brauchte.

Nach GPS (Marinetraffic.com) lief amica dabei vor der Maasmündung bei Rotterdam gut 10 Kn über Grund. Hier rauscht die Strömung auch gut, denn laut Logge lag meine Spitzengeschwindigkeit bei max. 6,8 Kn.  Ich glaubte, dass die Windstärke 4-5 Bft lag, aber alle Stationen hatten 5-6 Bft gemessen. Vor dem Wind merkt man das halt nicht so. Gut, die Wellenberge habe ich teilweise von unten betrachtet. Daran gewöhnt man sich schnell, nur muss man sehr aufmerksam steuern. Zweimal geträumt und schon hatte ich meine Dusche von der Seite. Bilder gibt es leider keine, ich musste konzentriert steuern. Eigentlich ist das schade, könnte ich doch so einmal vermitteln, wie „seegehend“ meine Waarschip ist, immer oben auf, halt ein Korken.

Aber diese Brücke binnen in der Osterschelde will ich euch nicht vorenthalten. Die Zeelandbrücke ist mit 5 km Hollands längste Brücke mit einer Durchfahrtshöhe von 14 m bei NAP. Ganz am nördlichen Ende gibt es auch einen Klappteil für die Yachties, die nicht wissen, wie hoch ist Mast wirklich ist. Ich habe sie bei Niedrigwasser passiert, um die NAP -1,34m auszunutzen, sicher ist sicher. Und dann bin ich auch mit voller Fahrt unterdurch, man muss halt Vertrauen zu den Angaben haben.

Nun bin ich auf dem Weg nach Vlissingen und kann auch dort noch einmal pausieren, weil der Wind erst ab Mitte nächster Woche wieder günstig weht. Zwar könnte ich die nun folgenden kurzen Törns bis Calais auch aufkreuzen, dass muss aber nicht sein. Zudem will ich mein Ziel Brighton erst Anfang Juli erreichen. Dort erwartet mich Barbara, die dann für 4 Wochen an Bord kommt.

 

21.6. Blankenberge – Belgien

Über die Tour von Kortgene über Vlissingen bis hier gibt es nicht viel zu berichten, war es doch meist eine Fahrt unter Motor. Ein Segelversuch auf der Westerschelde dauerte 1,5 Stunden, dann habe ich das Segeln aufgegeben. Bei nur 3 Bft kommt amica in dieser See nicht in Fahrt, alte Windsee (vorher hatten wir SW 6-7 Bft) unterlagert mit leichter Stromsee. Da gegenan zu segeln heißt, sich permanent festzustampfen.

Ich beobachte zu gerne auch Menschen und versuche mir ein Bild von ihrer Mentalität, ihrem Verhalten zu machen. Dass man im südlichen Holland hektisch ist, immer schnell unterwegs sein muss, damit man irgendwo irgendetwas nicht versäumt, das habe ich ja schon vor 2 Jahren gemerkt. Es fällt nur immer wieder auf, wenn man aus Friesland kommt. Ich denke, da stellt sich keine Zufriedenheit ein, das ist Stress pur.

Positiv ist mir diesmal deutlich aufgefallen, dass sich junge Leute sehr hilfsbereit, freundlich und respektvoll verhalten. Damit meine ich diejenigen, die unter 30 sind, denn mein Alter nehme ich da mal nicht als Bezugspunkt. Im Gegensatz dazu leben viele der Generation 50 plus einen Lebensstil, der von „mir gehört die Welt“ geprägt zu sein scheint. Einfach nur ein Ich zuerst. Kein Grüßen, keine helfende Hand und kein Interesse an anderen. Dazu eine gewisse Rücksichtslosigkeit, auf dem Wasser wie auch an Land. Ich will der Erste in der Schleuse sein und mir gehört der Weg, rechts und links kann man sich ja auch noch vorbeidrücken.

Mentalität einer Generation? Ergebnis einer von Gier geprägten Gesellschaft? Ich werde weiter beobachten und mir meine Gedanken machen, deshalb bin ich ja auch unterwegs. Für den Perspektivwechsel braucht man Abstand aus dem Turbokapitalismus.

Und nun zu Blankenberge, ich versuche mich mit diesem Örtchen anzufreunden. Der Yachthafen ist schön und leicht anzulaufen, deshalb laufe ich hier gerne ein und nicht nach Zeebrugge, da muss man erst durch den Containerhafen.

Die seeseitige Skyline zieht einen immer wieder an, vielleicht weil alle über diese typisch belgische Bebauung an der See reden. Das ist übrigens die sonnige Südseite, der Strand liegt auf der Nordseite. Ab wann der wohl im Schatten der Hochhäusern liegt? Zum Glück ist der Sonnenstand in der Hochsaison gerade richtig.

 

Die andere Straßenseite sieht so aus, eigentlich ganz hübsch. WM-Begeisterung ist auch hier zu finden. Wann spielen denn die „roten Teufel“ wieder?

Ach ja, heute ist es starkwindig und nicht nur amica schaukelt auf See, bei uns geht das allerdings etwas früher los.

 

Leeres Strandleben und ein Bambusbeach, übertrieben? Exotik braucht man anscheinend überall, aber bloß keine Menschen von da.

Hafentage verleiten immer zu Arbeiten am Boot.

Lackierarbeiten führen zu netten Kommentaren vom Steg. Schönes Boot usw.

Fender nähen, überflüssig? Schont den Lack und führt zu mehr nächtlicher Ruhe. Es gab auch ein Vorher.

 

25.06. Calais – Frankreich

Bevor ich morgen den Kontinent verlasse, noch eine letzte Meldung vom Festlandeuropa. Nach ein paar Tagen Zwangsaufenthalt in Blankenberge ging es zügig nach Südwesten. Meine bekannten Häfen Nieuwpoort und Dunkerque habe ich nicht ausgelassen. Es sind einmal passend liegende Häfen für kurze Strecken und die Strömung lies auch kaum etwas anderes zu. Immer so von 9 Uhr an kam der Strom von Westen, nicht geeignet für lange Törns in diese Richtung.

In Nieuwport wurde ich gleich zu einer Stegparty eingeladen: zu Wein, Baguette, aufgewärmten Camembert und ziemlich süßen Sachen. Es sprachen zwar nur 2 Leute Englisch, der Rest (etwa 10 Leute) ausschließlich Französisch, das war aber überhaupt kein Problem, alles furchtbar nett und höflich. Mit Händen und Füßen kann man sich auch verständigen, petit bateau konnte ich noch und ein paar Brocken Französisch habe ich dabei dazugelernt und einiges kann ich jetzt richtig betonen: merci. Nächsten Tag durfte ich dann mittags noch einmal Suppe kosten.

Nach Nieuwpoort habe ich den Fehler gemacht, gegen Strom aufzukreuzen, das bringt nach 2 Stunden einmal gerade 3 Meilen in die richtige Richtung. Es war also unnötig, zumal bei richtig rum einsetzenden Strom der Wind drehte und ich die Küste entlang schrubben konnte. Für 3 Meilen 2 Stunden und für die restlichen 14 Meilen 3 Stunden, so das Ergebnis.

Deshalb segelte ich am nächsten Tag die gut 15 Seemeilen nach Dunkerque bei passendem Strom abends in 2,5 Stunden, so geht das auch. Für die letzte Ecke bis Calais entschied ich mich für den früh laufenden Strom, da muss man dann um 9 Uhr an der Einfahrt Calais sein, also um 6 Uhr aufbrechen. Was soll ich sagen, ich war rechtzeitig wach. Nur gelangt hat es leider nicht, obwohl ich bei den schwachen Wind meistens den Motor mitlaufen lies. Die letzte halbe Meile mühte ich mich gegen 3 Knoten Strom an, mit 2,5 Knoten über Grund, denn mehr als 5,5 schaffe ich unter Motor nicht. Aber angekommen und nun sieht es so aus, als ob ich morgen rüber muss, der Wind soll wieder zunehmen.

Ein paar frühmorgendliche Bilder.

Auch nach Dunkerque gibt es Fährverkehr

Die letzten Dünen vor der Steilküste, die nach Calais beginnt. Entfernung zur Küste ca. 2 Seemeilen, also sind die ganz schön hoch.

Vor der Hénon Ecluse, die Brücke öffnet jede Stunde von ca. 3 Stunden vor bis ca. 3 Stunden nach Hochwasser. Die übrige Zeit ist zusätzlich das Tor zu.

 

29.6. Gedanken in der anderen (Segel-)Welt

Der Kopf wird leerer. Hat ihn der Wind durchgepustet und der Blick zum Horizont auf See befreit oder ist die Zeit entscheidend, die man in einer einfachen Umgebung verbringt? Ähnlich wie vor zwei Jahren merke ich erst jetzt und hier, dass ich gänzlich in einem anderen Leben angekommen bin. Das hat sicher ebenso mit den 5 Wochen zu tun, die ich bereits unterwegs bin. Klar, hier in Frankreich merke ich zudem, dass ich in der Fremde bin, vieles ist so anders. Ich kann mich aber auch darauf einlassen. Etwas übersehen oder negieren geht genauso, gerade wenn man sich immer in den Mittelpunkt stellt: Ich will dies, ich will das, ich, ich zuerst, akkumulieren für sein Selbstgefühl. Der Kopf muss frei sein, um das Andere zu spüren. Beim Segeln sage ich mir ab und zu, der Horizont ist hier ganz schön weit und dann kommt da erst einmal nichts mehr. Da kommt man sich doch ganz schön klein vor, doch irgendwie von dieser Welt, aber nicht mehr in einer Welt der Pläne, Ziele und Abläufe.

Und natürlich wird das Vorankommen nun schwieriger. Die Windverhältnisse zwingen mich mit meiner amica zu äußerster Vorsicht, keine 5 mit Böen oben drauf. Zwischen Dungeness und Beachy Head sind bis zum Wochenende Böen von 7 bis 8 angesagt. Es ist halt doch ein sehr kleines Boot. Andere können fahren, ich nicht. Doch es stört mich nicht mehr, auf den passenden Wind warten zu müssen. Klar habe ich da einen Termin drüben in Brighton, aber was nicht geht, geht eben nicht. Es setzt mich nicht unter Druck, ich kann ganz entspannt an Bord leben und es genießen. Ich brauche mir auch kein Alternativprogramm ausdenken, überhaupt muss ich mich nicht mehr programmieren, immer einen Plan haben. Ich mache das, was gerade ansteht. Es kommt, wie es kommt. Das Gefühl, seine Zeit zu verplempern, kenne ich nicht mehr. Und ich habe nicht den Eindruck, irgendetwas zu versäumen.

Ich gewinne den Raum, um Beobachtungen zu machen, sie zu interpretieren und dies dann auch noch in Texte zu formulieren. Ein Carrefour ist ein Supermarkt wie jeder andere auf der Welt. Groß und voll mit vielen Dingen, bei denen ich immer denke, wer braucht das eigentlich. Doch trotzdem gehe ich gerne in einen Carrefour, weil es nur dort die bretonische Butter und den bretonischen Cidre gibt, was ich beides so liebe. Dass die Bananen dort von der Côte d‘ Ivoire kommen, fällt mir aber sofort auf. Da fragt man sich, welche Menschen die Bananen dort ernten. Was die verdienen… Carrefour ist ein Globalplayer. Es sind so viele Widersprüche, die man heutzutage aushalten muss.

Mir fallen hier zum ersten Mal Menschen auf der Straße auf, wortwörtlich gemeint, die dort ihr Leben verbringen. Vor 2 Jahren habe ich vielleicht nicht so sehr darauf geachtet oder ich kann mich nicht daran erinnern.  Oder hat sich im neoliberalen Macron-Frankreich schon so viel verändert? Gibt es bereits deutlich sichtbar mehr Verlierer und Gewinner? Das gehört ja zusammen, denn wo es mehr Gewinner einer Wirtschaftspolitik geben soll, müssen ja auch Verlierer her, sonst würden die Gewinner es ja nicht merken. Politik ist auch ganz viel Gefühlsache.

Fischer und Angler gehören nicht zu den höflichen Franzosen. Da wird sehr aggressiv gepöbelt und sich gegenseitig angeschrien. Wenn man ihnen zu nahe kommt, zum Beispiel zu dicht an die Mole fährt, bekommt man auch eine geballte Ladung ab. Gut, das ich das nicht alles verstanden habe.

Ich wage eine andere Erzählung und es sind bisher nur Bruchstücke, die sich hoffentlich immer weiter zu einem Ganzen verdichten. Dazu brauche ich die Offenheit des Blickes und Empathie, damit nicht alles immer in die gleiche Metaerzählung abgleitet, alles nach dem gleichen Schema eingeordnet und abgetan wird. Everything can open my mind.

 

27.6. Boulogne-sur-mer

Nee, nun doch nicht die andere Seite. Ich sollte vielleicht meine Pläne nicht zu früh veröffentlichen, die ändern sich manchmal ganz schnell. Warum ich nicht in Dover bin? Die blöde Porte in Calais, die ist einfach zum passenden Abfahrtstermin zu. Bei dieser Windrichtung wäre es gut, erst zwei Stunden den Strom von Osten zu haben und dann zwei Stunden von Westen. Dann kann man sich gut von den Fähren freihalten, hier ist nämlich ein ganz schöner Traffic, mehr als in den Lanes des Verkehrstrennungsgebietes zwischen Dover und Calais. Ja, aber die Porte hat zu, die macht nur auf….., aber das hatten wir ja schon. Von Boulogne-sur-mer nach Eastbourne ist es genauso weit wie von Dover aus.

Dafür habe ich jetzt noch ein paar schöne Bilder und Clips von meinem Törn nach Boulogne-sur-mer.

Segeln bei 3 Windstärken, Wind von achtern, Strom von vorne. Wenn ihr statt auf das Boot auf den Horizont achtet, ist gut zu sehen, wie schauklig diese Angelegenheit ist. Zudem saß ich auch gut verkeilt, deshalb sieht das so ruhig ist.

Der Beginn der Steilküste bei Calais an der Côte Sandettie.

Eine dieser berüchtigten schwer auszumachenden Reusentonnen mit Leine dran, genau in der Mitte des Bildes. Kaum zu sehen? So ging es mir auch und sie waren schnell da und wieder weg, bei  rund 6.5 Knoten über Grund. Nur die Wahrscheinlichkeit zählt: nicht getroffen. Da möchte man sich nicht drin verfangen.

Cap Gris Nez von Nord

Cap Gris Nez von West

Und hier noch einmal Segeln bei 5 Windstärken, Wind und Strom in eine Richtung. Das ist doch wesentlich ruhiger und wir ihr seht, ich sitze nicht mehr verkeilt

 

29.6. Boulogne-sur-mer letzter Tag

So, heute habe ich eine längere Wanderung unternommen, ca. 3 Stunden lang, bis es dann mittags in der Sonne nicht mehr auszuhalten war. Ich wollte auch noch ein paar schöne Eindrücke festhalten, so in Richtung Norden, wo ich noch nie war.

Blick in den Yachthafen mit amica in der Mitte und der Hafen mit Fischerpier.  Von hier sind es übrigens gut 20 Minuten bis zur Außenmole, also knapp 1,5 Seemeilen. Trotzdem war hier im Hafen noch die Welle des starken nördlichen Windes zu spüren.

Außenmole Süd und das Trafficcenter, mit dem man so schön funken kann. Immer sehr nett.

Uferpromenade und Überreste aus dem 2. Weltkrieg

Steilküste, nicht ganz so steil

Die See mit Blick über die Mole Nord und das Land: Boulogne-sur-mer  Nord

Den Rest des Tages habe ich mit mentaler Vorbereitung des langen Törns nach Eastbourne verbracht. Da ja auch für morgen immer noch bis zu 5 Bft angesagt sind, musste ich mir alle Tonnen, Küstenformation und andere Wegpunkte einprägen. Ich werde ja keine Chance haben, das unterwegs noch einmal nachzuschlagen.

 

30.6. Eastbourne – England erreicht

Zu diesem Törn einen ausführlichen Bericht zu liefern, möchte ich lieber vermeiden. Ich werde ganz einfach nur die wesentlichen Eckdaten auflisten.

Ganz vorne weg, eine Waarschip hält viel aus, das hat sich wieder einmal bestätigt. Richtig toll, wie amica die Wellen reitet.

Wetterlage: Es ändert sich kaum etwas an dieser permanenten nordöstlichen Luftströmung. Ja, herrlicher Sommer an Land, das Hoch über England bzw. Nordsee. Ich sollte doch wohl nicht unzufrieden sein? Schließlich pustet mich ja der Wind in die richtige Richtung. Nur, er pustet nicht, er weht und zwar immer kräftig. Für diesen Samstag ist einmal eine etwas schwächere Phase mit nur so um 15 Knoten Wind angesagt. Danach soll es wieder auf 20 Knoten, insbesondere an der englischen Südküste, hochgehen. 20 Knoten Wind sind schon kräftige 5 Bft. Ja, das ist dann die Dynamik vom heißen Land, in diesem Fall England.

Strömung geht ab 6 Uhr nach Südwest, da ich nach Westen muss, konnte ich einen Teil davon ausnutzen.

Es ging eine weite Strecke über See durch ein Verkehrstrennungsgebiet, ich musste aber nur zweimal ausweichen. Sonst war da kaum was los. Mein AIS ließ mich aber nicht so allein fühlen auf See, auch wenn ich real nicht alle Schiffe ausmachen konnte. Bei einer Reichweite von mindestens 10 Seemeilen ist das aber auch kein Wunder.

Ich habe etwas verschlafen. Das bedeutete dann: aufwachen und 5 Minuten später schon die Leinen in der Hand, einen Schluck Wasser, sonst nichts. Aber ich war 6.10 Uhr an der Hafeneinfahrt. Dort habe ich dann leider versäumt, ein Reff ins Großsegel zu ziehen. Immer so 6 – 7 Knoten Fahrt, gut, das geht schön schnell. Nach der ersten Lane (Schiffsfahrweg) habe ich es dann geschafft, das Reff zu ziehen.

Bis hierher Kurs West, nun Kurs Nordwest, man muss ja immer die Lanes rechtwinklig kreuzen. Komme genau wie geplant bei der Bullock Nordtonne an, hier ging es in die zweite Lane und von da an konnte ich deutlich Dungenes Power Station ausmachen, ein sehr großes Kernkraftwerk an der Spitze von Dungenes.

Nach dieser Lane dann sofort wieder auf Westkurs, um noch den restlichen Strom auszunutzen. Hat dann aber nur noch bis kurz vor Hastings gereicht. Der Gegenstrom von Hastings bis Eastbourne war aber nur schwach, vielleicht 1 Knoten.

Küste vor Hastings und Hastings selbst

Gesegelt durchs Wasser 47,3 Seemeilen

Gesegelt über Grund 51,4 Seemeilen, das war dann der Bogen nach Hastings

Gerade Linie 48 Seemeilen, was natürlich wegen der Lanes nicht geht.

Zeit: 9,5 Stunden

 

Und hier geht es weiter: England