Die letzten Meilen

07.09. Blankenberge

Die Nordsee zeigt sich von ihrer unfreundlichen Seite. Zuerst nordöstliche, dann nördliche und jetzt nordwestliche Winde bedeuten an dieser Küste gute See, zumal ja auch noch die Sände so einiges aufbauen. Immer mit 5 bis 6 Knoten durch die See segeln ist dann doch zu viel, für mich wie auch für amica. Die Sände verbiegen die normale See zu Kreuzseen und nach einer Spitze von sich überlagernden Wellen kommt dann meist ein tiefer Fall. Amica weint, soll heißen, es kommt wieder Wasser, wenig zwar, aber gut ist das nicht. Ich sollte sie nicht mehr zu hart rannehmen. Deshalb verlasse ich jetzt die Nordsee bei Vlissingen und gehe wieder binnen durch, die Staande-Mast-Route in Holland.

Der niederländische Wetterbericht hat so schön angekündigt, dass sich jetzt, nachdem sich der „stilhangende Trog“ verzogen hat, endlich „na lange tijd de weststroming weer op gang“ kommt. Naja, das heißt ja wohl, andauernd westlich Winde auf die Küste. Davor werde ich amica bewahren und schön Kanal tuckern. Dunkerque hat mich 2 Tage festgehalten und jetzt Blankenberge auch schon einen Tag, es wird Zeit, dass ich nach Norden komme, unabhängig vom Wetter.

Die Welt wird wieder hektischer, ich habe lange nicht mehr so viel Autos auf den Straßen gesehen. Dabei ist Blankenberge doch ein kleiner Touriort, jedenfalls wesentlich kleiner als Calais oder Dunkerque. Auch die Menschen sind schneller unterwegs, bummeln gibt es nicht mehr. Daran muss ich mich langsam wieder gewöhnen. Ob es da einen Zusammenhang gibt zwischen Mobilitätswahn und hektischen Verhalten? Vielleicht auch, es mag noch andere Gründe geben.

In letzter Zeit habe ich mich mit vielen Engländern unterhalten, die es schade fanden, dass ich diese Städte (Eastbourne, Brighton) an der Südküste besucht habe. Da hätte ich keinen guten Eindruck von England bekommen, diese Orte seien alle “very busy”, nicht entspannt. Es gäbe gerade nach Westen hin ein viel ruhigeres England, wenn man die großen Städte meidet. Deshalb lieben sie unter anderem ja auch die normannische Küste, dort sei alles extrem viel ruhiger.

 

12.09. Volendam

Erst durch das Scheldedelta in einem Tag, dann hinter Rotterdam herum nach Norden ins Ijsselmeer.  Hört sich einfach an, es waren aber lange Törns, nicht so sehr von der Strecke her, sondern von der Zeit. Man muss ja immer Wartezeiten vor den Eisenbahn- und Autobahnbrücken einplanen. Trotzdem war es gut, diesen Weg zu wählen, selbst hinter Rotterdam auf der Nieuwe Maas flog mir Gischt um die Ohren. Und der Trip nach Haarlem war von Böen bis Stärke 8 begleitet. Nun bin ich im Ijsselmeer und der Wind soll langsam wieder gut werden. See gibt es hier auf jeden Fall weniger bis gar nicht. Draußen braucht es wohl noch, bis sich das alles wieder beruhigt hat.

Stationen: Middelburg, Willemstad, Gouda und Haarlem. Jetzt Volendam.

Ein paar Filmchen habe ich gemacht:

Die Schelde ist ein schönes Revier, hier das Veerse Meer. Nur fahre ich hier leider immer schnell durch.

Gesegelt wird hier auch sehr viel. Hafen bei Kortgene

Kramersluis, wie immer sind diese Schleusen ziemlich grün und matschig.

Pays-Bas, niedriges Land, Niederlande

Auf dem Weg durch Amsterdam hatte ich nur Nieselregen. Hier auf dem Ijsselmeer sieht es auch nicht besser aus.

Dann hat es einmal leicht gegrummelt und danach sah es so aus. Aber Wind gab es trotzdem nicht.

 

16.9. Lauwersoog

In 7 Tagen einmal Holland der Länge nach gequert, das ist ganz schön viel und vor allem immer lang. Nun sitze ich hier in Lauwersoog und morgen soll es nach Borkum gehen. Von Vlissingen bis Lauwersoog habe ich kein einziges Mal die Segel angefasst. Herbstliches Schietwetter, Starkwind, Regen, Flaute auf dem Ijsselmeer mit den Mücken und langsam wird es auch noch recht kühl, schön ist was anderes. Dazu hab ich mir noch eine kleine Erkältung eingefangen, ja, der Norden ist halt kühl und feucht.

Holland binnen ist bei mir im Ranking ganz unten, besonders der Teil Ijsselmeer und südlich davon. Es gab zunehmende Rücksichtslosigkeiten, insbesondere von der beruflichen Liga. Wenn sie hier keine Sportboote wollen, dann sollen sie den Weg schlichtweg dicht machen. Auf Funk reagiert niemand und bei den bereitgestellten Telefonnummern nimmt niemand ab. Was soll das??? Und dann noch drei Binnenschiffe parallel auf Überholspur. So wie drei Brummis auf der Autobahn auf drei Spuren verteilt. Keiner ist schneller.

Friesland ist dann schon entspannter und so freue ich mich auch schon auf den Rest der Tour an den Inseln entlang.

Die berüchtigten Ijsselmeermücken, die krabbeln in den Mund, die Nase, die Augen und die Ohren. Nach 2 Stunden im Hafen war der Spuk vorbei, allerdings jetzt mir unendlich vielen Leichen, die die Segel verschmieren.

Südlich Leeuwarden haben sie die “Staande-Mast-Route” verlegt, weg vom Hauptfahrwasser in die Provinz, echt friesisch hier.

Windmühle im modernen Design, ja tollja und mit Besichtigungstreppe.

Morgens um Neun, satte Farben…

sattes Grün.

19.9. Borkum

Den Weg durch das Westgat bei Schiemonnikoog und dann nach Borkum konnten wir mal wieder schön segeln. Nach dem vielen Getucker hat amica sich richtig gefreut, raumschots zu zeigen, dass Segeln doch schöner ist.

Sie ließ sich nicht mehr halten, 2 Stunden ständig zwischen  6 und 7 Knoten, das bedeutete permanent zu surfen.

Das Wasser rauschte nur so vorbei.

Und wer es nicht glaubt…

Zum Schluss nahm der Wind allerdings ab. Ich hatte noch kurzzeitig überlegt, gleich weiter nach Norderney zu segeln, doch fühlte ich mich  immer noch nicht fit genug für einen 10 Stunden-Törn. Und meine Befürchtung trat ein: ich hänge auf Borkum fest. Die nächsten Tage werden sowieso sehr spannend, was die Windverhältnisse angeht.

 

20.9. Norderney

Wir sind um Borkum herum, dann wieder in die Osterems hinein und übers Watt hierher gesegelt, bei aufrischenden 6-7 Windstärken. Nur unter Fock habe ich auch so die 6,5 Knoten erreicht. Nun geht das mit den Windverhältnissen für eine Woche erst einmal so weiter und zusätzlich wird es noch kalt und nass. Ich nehme jetzt die Fähre und fahre nach Hause.

Die Gründe könnt ihr hier sehen. Wir befinden uns auf der Wattseite, hier stehen meist nur 2 Meter Wasser, die Rinnen sind natürlich etwas tiefer. 8 Bft, nass und was man nicht sehen kann: kalt.

Diese große Fähre schaukelt sogar!

Ein letzter Blick, die Entscheidung war gut und richtig!

 

26.9. Norderney

So, nach 5 Tagen Landurlaub bin ich wieder an Bord und gehe einmal davon aus, dass ich jetzt den Rest in die Elbe hinein schnell schaffen werde. Zunächst noch im Watt bis Wangerooge, dann am Wochenende in die Elbe. Es soll ja ein ruhigeres und gutes Wetter ab Samstag eintreten.

 

30.9. Cuxhaven

Die Reise verläuft nach Plan, nur die Windverhältnisse sind nicht so angenehm. Der Bericht über die letzten Tage folgt später. Ich werde heute am Abend in Wedel einlaufen, Tide und Wind passen diesmal für den Trip.

 

30.9. Wedel

Wieder angekommen, und das noch im September! Trotzdem, die letzten Tage waren einmal wieder hart. Das schöne Wetterfenster für das Wochenende veränderte sich ständig zum Negativen. Zunächst waren schwache Winde und gutes Wetter angesagt. Kaum war ich zurück auf Norderney, wurde der Sonntag schon gestrichen. Einen Tag später wurden für Samstag nicht mehr schwache Winde, aber immer nur 3-4 Bft vorhergesagt. Das kann ja lustig werden, denn für die darauffolgenden Tage sind wieder steigende Windstärken vorhergesagt, bis 8 und 9 Bft. Ich muss also irgendwie weiter.

Zunächst aber ging es am Donnerstag von Norderney bis Spiekeroog bei WSW 5-6 Bft nur unter Fock, so wie geplant und vorhergesagt. Die Otzumer Balje fällt inzwischen bei Niedrigwasser fast trocken, da darf man dann nur nahe Hochwasser und Flaute drüber fahren und es darf keine Dünung stehen, sonst wird es sehr gefährlich im Seegat. Freitag fuhren wir also eine Insel weiter bei Nord 7 mit Böen, das dann nur unter Motor. Die Alte Harle, des Seegat bei Wangerooge wird bei solchen Winden für Tage nicht befahrbar sein, obwohl sie einen Meter mehr Wasser hat.

Was tun? Tidenmäßig schlecht aber vielleicht machbar: mit auflaufendem Wasser übers Watt zur Ostseite von Wangerooge und dann versuchen, die tiefe Blaue Balje herauszufahren oder, wenn das auch unmöglich ist, über die Jade und die Kaiserbalje in die Weser nach Bremerhaven. Dort könnte ich dann den Mast legen und durch den Hadelner Kanal nach Otterndorf fahren. Das wäre der sicherste Weg, aber mit viel Aktion verbunden und dazu einige Tage länger.

Was soll ich sagen, wir kamen die Blaue Balje unter Fock und Motor heraus bei dann wieder 5 Bft, also von wegen nur 3-4 Bft. Wer die Ecke von Jade über Weser bis in die Elbe kennt, wenn der Wind von Nord auf West bei 6-7 einen Tag vorher und jetzt bei 5 Bft aus Südwest weht, der kennt die See, die dort steht. Der Spaßfaktor ging nicht nur gegen null, er war absolut im Minusbereich. Das einzig Positive: ich war nicht allein auf dem Kurs zur Elbe und die See brach sich selten. In der Elbe brauchte es dann schon die Höhe von Neuwerk, bis der Seegang sich so langsam beruhigt hat. 17.20 Uhr an Tonne Elbe1, 20.30 Uhr kurz vor Bake E, und es lief ab und wurde dunkel. Ab dort unter Motor immer an den Baken entlang erreichten wir Cuxhaven kurz vor Mitternacht. Heizung an, es war saukalt und dann nur noch in die Koje.

Von Cuxhaven bis Wedel hatte ich keine Lust mehr auf Segeln. Nach knapp 7 Stunden erreichten wir unter Motor endlich Wedel. Schade, dass nach diesem Sommer fast der ganze September windmäßig so schlecht aussah. Ab Calais hatte ich nur einen schönen Segeltörn, den von Lauwersoog nach Borkum, alles andere war immer mit viel Adrenalin verbunden.

Nächste Woche kommt amica in die Halle und in pflegende Hände und ich muss auch erst einmal wieder zu Kräften kommen.

 

Und was es noch zu sagen gibt: Zum Schluss